Barrierefreiheit ist kein Nischenthema mehr. Ab 2025 wird sie für viele Unternehmen zur Pflicht – aber schon heute ist sie ein Wettbewerbsvorteil. Denn barrierefreie Websites erreichen mehr Menschen, ranken besser bei Google und bieten allen Nutzern ein besseres Erlebnis. In diesem Ratgeber zeige ich dir, was Barrierefreiheit bedeutet, warum sie sich lohnt und wie du sie umsetzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Millionen Betroffene: Rund 10% der Bevölkerung haben eine Behinderung, die das Web-Erlebnis beeinflusst
- Gesetzliche Pflicht kommt: Ab Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)
- SEO-Vorteile inklusive: Barrierefreie Websites ranken oft besser bei Google
- Bessere Usability für alle: Was für Menschen mit Einschränkungen hilft, hilft allen
- Kein Hexenwerk: Die wichtigsten Maßnahmen sind technisch umsetzbar
Was bedeutet Barrierefreiheit im Web?
Eine barrierefreie Website ist für alle Menschen nutzbar – unabhängig von körperlichen oder technischen Einschränkungen. Das umfasst:
| Einschränkung | Barriere auf Websites | Lösung |
|---|---|---|
| Sehbehinderung | Bilder ohne Beschreibung, schlechte Kontraste | Alt-Texte, ausreichend Kontrast |
| Blindheit | Keine Screenreader-Unterstützung | Semantisches HTML, ARIA-Labels |
| Motorische Einschränkung | Nur mit Maus bedienbar | Tastaturnavigation |
| Hörbehinderung | Videos ohne Untertitel | Captions, Transkripte |
| Kognitive Einschränkung | Komplexe Sprache, überladenes Design | Einfache Sprache, klare Struktur |
| Temporäre Einschränkung | Gebrochener Arm, grelles Sonnenlicht | Flexible Bedienung, gute Kontraste |
Die letzte Zeile ist wichtig: Barrierefreiheit hilft nicht nur Menschen mit dauerhaften Behinderungen. Auch wer sein Baby auf dem Arm hält, in der Sonne auf dem Handy liest oder sich den Arm gebrochen hat, profitiert.
Die Zahlen: Warum Barrierefreiheit keine Nische ist
In Deutschland leben etwa 8 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Dazu kommen:
- Millionen mit leichteren Einschränkungen
- Ältere Menschen mit nachlassender Sehkraft oder Motorik
- Temporär Eingeschränkte
- Menschen mit situativen Einschränkungen
Die Rechnung:
- 10-15% der Bevölkerung haben eine relevante Einschränkung
- Das sind potenzielle Kunden, die du ausschließt
- Menschen mit Behinderungen haben Kaufkraft und treue Kundschaft
Eine nicht barrierefreie Website sagt: „Du bist uns nicht wichtig genug.“ Das ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch geschäftlich dumm.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)
Ab 28. Juni 2025 wird Barrierefreiheit für viele Unternehmen zur Pflicht. Das BFSG setzt die europäische Richtlinie (European Accessibility Act) in deutsches Recht um.
Wer ist betroffen?
Das Gesetz gilt für Produkte und Dienstleistungen, die nach dem 28. Juni 2025 in Verkehr gebracht werden:
Betroffen sind unter anderem:
- E-Commerce-Websites und Online-Shops
- Bankdienstleistungen
- E-Books und E-Reader
- Telekommunikationsdienste
- Personenbeförderung (Buchungssysteme)
Ausnahmen:
- Kleinstunternehmen (unter 10 Mitarbeiter UND unter 2 Mio. € Umsatz)
- Rein B2B-Dienstleistungen ohne Endkundenkonakt
- Bestehende Produkte, die vor Juni 2025 auf den Markt kamen (Übergangsfrist)
Was droht bei Verstößen?
Bei Nichteinhaltung drohen:
- Abmahnungen durch Wettbewerber oder Verbände
- Bußgelder bis zu 100.000€
- Untersagung des Vertriebs
- Reputationsschäden
Die Zeit zum Handeln ist jetzt – nicht erst 2025.
Barrierefreiheit und SEO: Eine Win-Win-Situation
Bei Volkweb erleben wir es täglich: Barrierefreiheit und SEO gehen Hand in Hand. Was Screenreadern hilft, hilft auch Google.
Gemeinsame Erfolgsfaktoren
| Barrierefreiheit | SEO-Vorteil |
|---|---|
| Aussagekräftige Alt-Texte | Google versteht Bildinhalte |
| Semantisches HTML (H1, H2, etc.) | Klare Dokumentstruktur für Crawler |
| Transkripte für Videos | Indexierbarer Text-Content |
| Schnelle Ladezeiten | Core Web Vitals, Ranking-Faktor |
| Mobile Optimierung | Mobile-First-Indexing |
| Klare Linkbeschreibungen | Bessere Ankertext-Signale |
| Logische Seitenstruktur | Verbesserte Crawlability |
Die Onpage-Optimierung profitiert direkt von Barrierefreiheitsmaßnahmen. Du schlägst zwei Fliegen mit einer Klappe.
Die WCAG: Der Standard für Barrierefreiheit
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind der internationale Standard. Sie definieren drei Konformitätsstufen:
- Stufe A: Mindestanforderungen
- Stufe AA: Empfohlener Standard (auch für BFSG relevant)
- Stufe AAA: Höchste Anforderungen, für spezialisierte Anwendungen
Für die meisten Websites ist Stufe AA das Ziel. Sie basiert auf vier Prinzipien:
1. Wahrnehmbar
Inhalte müssen so präsentiert werden, dass Nutzer sie wahrnehmen können.
Konkret bedeutet das:
- Alt-Texte für alle Bilder
- Untertitel für Videos
- Ausreichende Farbkontraste (mindestens 4,5:1 für normalen Text)
- Vergrößerbarkeit ohne Funktionsverlust
- Nicht nur Farbe als Information (z.B. Fehler nur in Rot)
2. Bedienbar
Die Benutzeroberfläche muss für alle bedienbar sein.
Konkret bedeutet das:
- Volle Tastaturnavigation
- Keine Zeitlimits ohne Option zur Verlängerung
- Keine blinkenden Inhalte (Epilepsie-Risiko)
- Skip-Links zum Hauptinhalt
- Aussagekräftige Seitentitel
3. Verständlich
Inhalte und Bedienung müssen verständlich sein.
Konkret bedeutet das:
- Sprache der Seite definiert
- Konsistente Navigation
- Fehlermeldungen mit Lösungshinweisen
- Vorhersagbares Verhalten
- Hilfe bei Eingaben
4. Robust
Inhalte müssen mit verschiedenen Technologien funktionieren.
Konkret bedeutet das:
- Valider HTML-Code
- ARIA-Labels wo nötig
- Kompatibilität mit assistiven Technologien
- Zukunftssichere Standards
Praktische Maßnahmen für barrierefreie Websites
Diese Maßnahmen kannst du sofort umsetzen:
Bilder und Medien
Jedes Bild braucht einen Alt-Text, der den Inhalt beschreibt. „Bild“ oder „foto_1234.jpg“ reicht nicht. Beschreibe, was zu sehen ist und warum es relevant ist.
Beispiele:
- Schlecht:
alt="Bild" - Besser:
alt="Team Volkweb bei der Arbeit" - Optimal:
alt="Zwei Webdesigner besprechen ein Wireframe am Monitor"
Videos brauchen Untertitel. YouTube und andere Plattformen bieten automatische Untertitel, aber manuelle Korrektur verbessert die Qualität.
Farben und Kontraste
Text muss sich deutlich vom Hintergrund abheben. Der Mindestkontrast für normalen Text ist 4,5:1, für große Texte (ab 18pt) 3:1.
Häufige Probleme:
- Hellgrauer Text auf weißem Grund
- Farbige Buttons mit weißer Schrift (oft zu wenig Kontrast)
- Placeholder-Text in Formularen (oft zu hell)
Tools wie der WebAIM Contrast Checker helfen bei der Prüfung.
Struktur und Navigation
Verwende semantisches HTML: H1 für die Hauptüberschrift, H2 für Abschnitte, H3 für Unterabschnitte. Keine H2 nur weil sie größer aussehen soll.
Wichtig:
- Nur eine H1 pro Seite
- Logische Hierarchie (keine H4 nach H2)
- Listen als
<ul>oder<ol>, nicht als gestylte Absätze - Tabellen nur für tabellarische Daten
Die Website-Struktur ist für Barrierefreiheit ebenso wichtig wie für SEO.
Formulare
Formulare sind oft problematisch. Jedes Eingabefeld braucht ein Label, das programmatisch verknüpft ist.
Checkliste für Formulare:
- Labels mit for-Attribut
- Pflichtfelder klar gekennzeichnet
- Fehlermeldungen neben dem betroffenen Feld
- Fehler nicht nur farblich markiert
- Autofill-Unterstützung
Links und Buttons
„Hier klicken“ oder „Mehr“ als Linktext ist problematisch. Screenreader-Nutzer navigieren oft über eine Liste aller Links – „Hier klicken“ sagt ihnen nichts.
Beispiele:
- Schlecht:
Hier klicken - Besser:
Mehr über unsere Leistungen erfahren - Optimal:
Unsere Webdesign-Leistungen im Detail
Dieses Prinzip hilft auch bei internen Links – beschreibende Ankertexte sind für SEO und Barrierefreiheit besser.
Barrierefreiheit testen
Wie weißt du, ob deine Website barrierefrei ist? Diese Tools helfen:
Automatische Tests
- WAVE (wave.webaim.org): Browser-Extension für schnelle Checks
- Lighthouse (in Chrome DevTools): Accessibility-Audit
- axe (deque.com): Detaillierte Analyse
Automatische Tests finden etwa 30-40% der Probleme. Sie sind ein guter Startpunkt, aber nicht ausreichend.
Manuelle Tests
- Tastaturnavigation: Tab durch die Seite, alles erreichbar?
- Screenreader: NVDA (kostenlos für Windows), VoiceOver (Mac)
- Zoom: Seite auf 200% vergrößern, funktioniert alles?
- Kontrast-Check: Tools oder Browser-Extensions
Nutzer-Tests
Am wertvollsten sind Tests mit echten Nutzern, die assistive Technologien verwenden. Sie finden Probleme, die Tools übersehen.
Kosten und Aufwand
Barrierefreiheit nachträglich einzubauen kostet mehr als von Anfang an mitzudenken. Die Kosten hängen vom Zustand der Website ab:
| Ausgangslage | Typischer Aufwand |
|---|---|
| Neue Website mit Accessibility-Fokus | +10-15% Entwicklungskosten |
| Bestehende Website mit kleinen Mängeln | 1.000-3.000€ |
| Bestehende Website mit größeren Mängeln | 3.000-10.000€ |
| Komplett nicht barrierefreie Website | Oft günstiger neu bauen |
Bei Volkweb achten wir bei jedem Webdesign-Projekt von Anfang an auf Barrierefreiheit. Das spart unseren Kunden spätere Kosten und rechtliche Risiken.
Der Business Case für Barrierefreiheit
Über die rechtliche Pflicht hinaus gibt es handfeste geschäftliche Vorteile:
Mehr Reichweite:
- 10-15% mehr potenzielle Nutzer
- Ältere Zielgruppe besser erreichbar
- Mobile Nutzer profitieren
Bessere SEO:
- Strukturierte Inhalte ranken besser
- Längere Verweildauer durch bessere Usability
- Weniger Absprünge
Stärkere Marke:
- Positionierung als inklusives Unternehmen
- Positives Image
- Differenzierung vom Wettbewerb
Geringere Risiken:
- Keine Abmahnungen
- Keine Bußgelder
- Rechtssicherheit
Häufig gestellte Fragen zur Barrierefreiheit
Muss meine Website wirklich barrierefrei sein?
Ab Juni 2025 für viele Unternehmen ja – wenn du E-Commerce betreibst, Dienstleistungen online verkaufst oder unter die anderen Kategorien des BFSG fällst. Kleinstunternehmen (unter 10 Mitarbeiter UND unter 2 Mio. € Umsatz) sind ausgenommen. Aber: Barrierefreiheit lohnt sich auch ohne Pflicht – für SEO, Usability und mehr Kunden.
Ist eine barrierefreie Website hässlich oder langweilig?
Nein, das ist ein Mythos. Barrierefreiheit ist keine Design-Einschränkung, sondern eine Qualitätsanforderung. Apple, BBC, Airbnb – alle haben barrierefreie Websites und niemand würde sie langweilig nennen. Gutes Design und Barrierefreiheit schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich.
Kann ich Barrierefreiheit nachträglich einbauen?
Ja, aber es ist aufwändiger als von Anfang an mitzudenken. Bei bestehenden Websites empfehlen wir ein Audit, dann Priorisierung der wichtigsten Probleme. Manchmal ist ein Website-Relaunch effizienter als aufwändige Nachbesserung – je nach Zustand der aktuellen Seite.
Welche Stufe der WCAG muss ich erreichen?
Für das BFSG wird Stufe AA als Referenz genannt. Das ist auch der Standard, den wir empfehlen. Stufe A ist das absolute Minimum, Stufe AAA ist für die meisten Websites übertrieben. AA ist der sinnvolle Kompromiss zwischen Aufwand und Nutzen.
Wie fange ich am besten an?
Starte mit einem Audit: Was sind die größten Probleme? Tools wie WAVE oder Lighthouse geben einen ersten Überblick. Dann priorisieren: Tastaturnavigation, Alt-Texte und Kontraste sind oft die wichtigsten Quick Wins. Für eine umfassende Umsetzung empfehlen wir professionelle Unterstützung – Kontakt zu Volkweb aufnehmen und wir schauen gemeinsam, was nötig ist.



